Mein Schicksal schien gemerkt zu
haben, dass ich ein neues Leben beginnen wollte. Alles,
aber auch
alles stand auf Veränderung.
Ich fand allerdings, dass es dabei dummerweise ein paar wesentliche
Dinge übersah, aber damals hatte ich ja auch noch nicht
wissen können, wie die Dinge in Wahrheit miteinander zusammenhingen
und wer hier tatsächlich Schicksal spielte.
Jedenfalls blieben uns noch knapp zwei Tage, um uns von
unserem lieb gewonnenen Zuhause zu verabschieden und erst
mal die
Dinge in Kartons zu packen, die uns am Herzen lagen und
die wir unbedingt
mitnehmen wollten. Wie sich herausgestellte, würde es
nämlich nur ein halber Umzug sein, da das Gästehaus
der von Helsings bereits komplett eingerichtet war. Wir konnten
unsere Möbel also einfach hierlassen, denn Papa würde
in Zukunft genug verdienen, um die Miete für diese Wohnung
noch eine Weile weiterzuzahlen. Notfalls konnten wir also jederzeit
wieder in die Marillenstraße zurück. Zumindest während
der vereinbarten Probezeit.
Für mich war das allerdings nur ein schwacher Trost. Denn
das Schlimmste hatte mein Vater uns leider vor unserer Abstimmung
verschwiegen: Frau von Helsing mochte keine größeren
Tiere auf ihrem Grundstück haben und deshalb konnten
wir Limette nicht mitnehmen.
„Das ist nicht fair!“, rief ich aufgebracht. „Das
hättest du uns vorher sagen müssen.“
„Stimmt“, pflichtete Mama mir bei, „das hättest
du.“
Papa setzte eine zerknirschte Miene auf und entschuldigte
sich tausendmal für dieses Versäumnis. „Aber ihr
könntet vielleicht ein Kaninchen oder ein Meerschweinchen
halten“, schlug er vor und zog damit Josi sofort
wieder auf seine Seite.
„Oh ja!“, jubelte sie. „Dann kriegt der Kuschimuschi
einen echten Kuschelmuschelhasen zum Spielen!“
Leider fand Krister das mit Limette auch nicht weiter tragisch,
denn er konnte mit Katzen nicht viel anfangen und hätte
sowieso lieber einen Hund gehabt.
„Und was machen wir dann mit ihr?“, fragte ich und kämpfte
verbissen gegen die aufsteigenden Tränen an. „Wir
können sie ja schlecht in ein Tierheim geben.“
„Das tun wir auch nicht, mach dir darüber keine Sorgen“,
versuchte Mama, mich zu beruhigen. „Erst einmal bleibt
sie hier. Frau Deggers wird sich bestimmt gerne um sie kümmern,
bis wir eine endgültige Lösung gefunden haben.“
Ich konnte mir das nicht länger anhören, und
weil ich keinen Schreikrampf bekommen wollte, schnappte
ich mir
kurzerhand die wild zappelnde Limette und verzog mich mit
ihr in mein Zimmer.
Und dort hockte ich nun im Schneidersitz und mit vor der
Brust gekreuzten Armen auf meinem Bett und stierte grantig
vor mich
hin. Keine Ahnung, vielleicht war mein Gehirn ja zu klein,
aber es wollte mir partout nicht in den Kopf, dass Mama
sich das offenbar alles so einfach vorstellte. Ich war
doch diejenige
gewesen, die Limette im Torweg hinter einer leeren Bierkiste
fand, die Herr Lumme dort vorübergehend abgestellt hatte.
Das war inzwischen fast vier Jahre her, doch das klägliche
Maunzen hatte ich noch immer im Ohr. Ich hatte Limette auf
den Arm genommen, sie gestreichelt, gefüttert und mit
ihr im Innenhof gespielt und sie war mir kaum noch von der
Seite gewichen. Jedenfalls gehörte sie seither zu mir
wie mein rechter Fuß, mein Bauchnabel oder meine Ohren,
und die konnte man schließlich auch nicht einfach
so entfernen.
Anfangs hatten meine Eltern Limette nicht aufnehmen wollen
und überall herumgefragt, ob jemand eine junge orange-schwarz-weiß gefleckte
Katze vermisste, aber niemand schien zu wissen, wohin sie gehörte.
Und nachdem die alte Frau Deggers aus dem Vorderhaus versprochen
hatte, dass sie sich um das Tier kümmern würde,
wenn wir verreisen wollten, war Limette dann doch bei uns
eingezogen.
Sie wusste genau, wann ich von der Schule nach Hause kam
und sprang mir meistens schon im Torweg entgegen. Klugerweise
verließ sie
aber nie den Innenhof, wahrscheinlich ahnte sie, dass ihr dort
draußen auf der Straße von den vorbeisausenden
Autos Gefahr drohte. Abends legte sie sich dann auf mein Bett
und schnurrte wie ein Trecker, sobald ich mich zu ihr gesellte.
Ich war felsenfest davon überzeugt, dass Limette sich
mich ausgesucht hatte. Und jetzt sollte ich sie einfach hier
zurücklassen? Allein die Vorstellung brach mir das
Herz.
Limette spürte genau, dass etwas im Busch war. Tief geduckt
schlich sie an meinem Kleiderschrank entlang, maunzte zum Gotterbarmen
und beäugte mich misstrauisch.
„Ach, Limmilein, ach, Mettchen“, seufzte ich und dann
fing ich doch an zu heulen. Schluchzend ließ ich
mich zur Seite aufs Kopfkissen fallen und vergrub mein
Gesicht
darin.
Es dauerte keine drei Sekunden und ich spürte, wie die
Matratze neben mir nachgab. Im nächsten Moment drückte
Limette ihr Köpfchen gegen meinen Handrücken. Ich
schob meine Finger in ihr weiches Fell und zog sie an mich. „Ich
lasse dich nicht im Stich“, flüsterte ich heiser. „Nie
und nimmer. Das verspreche ich dir.“
Sollte Mama doch nach irgendeiner Lösung suchen, ich würde
meine eigene finden!
Zum Glück ließen meine
Eltern und meine Geschwister mich erst einmal in Ruhe.
Ich weinte noch eine Weile vor
mich hin und kraulte dabei Limette, bis sie sich neben meinem
Kopf zusammenkringelte und einschlief. Vorsichtig setzte
ich mich auf und streckte die Hand nach meinem Rucksack aus.
Ich kramte einen Kollegblock, die Federtasche und mein Handy
hervor. Als Erstes sah ich nach, ob Mariel sich gemeldet
hatte. Hatte sie aber nicht.
Ich schüttelte das Handy ein wenig, schließlich
war es ein Uraltmodell, und man konnte nie wissen, ob sich
nicht vielleicht doch in irgendeinem Winkel noch eine SMS
verfangen hatte. Aber nix.
Mittlerweile war es zwanzig vor zwölf und die zweite
große Pause zu Ende. Ich konnte – Ich mochte! – mir
einfach nicht vorstellen, dass Mariel meine Abwesenheit völlig
kalt ließ. Ich an ihrer Stelle würde mich jedenfalls
fragen, ob es in irgendeiner Weise mit unserem Streit zusammenhing.
Na ja, vielleicht fragte sie sich das ja auch. Aber deswegen
gleich eine Nachricht zu schicken und sich nach meinem Wohlbefinden
zu erkundigen, war wohl einfach nicht ihre Art. Mariel konnte
so verdammt stolz sein. Stolz und stur. Für mich war
das manchmal schwer zu verstehen, denn ich tickte ganz anders
und hätte mich im umgekehrten Fall wahrscheinlich schon
längst bei ihr entschuldigt.
„Okay“, murmelte ich. „Wenn du dich nicht meldest,
dann mache ich das eben.“
Hallo, Mariel,
ich bin dir nicht böse wegen gestern, falls du das denkst.
Es ist etwas Unglaubliches passiert, und deshalb war ich
heute nicht in der Schule. Ruf mich doch nachher mal an,
dann kann ich dir alles erzählen. Ich brauche ganz dringend
deinen Rat!
Deine Phily :***
tippte ich mit fliegenden Fingern
ein und schickte das Ganze an Mariels Nummer. Ich starrte
noch eine Weile auf das Display,
weil ich hoffte, dass Mariel vor Neugier aus allen Nähten
platzte und mir sogar während des Unterrichts antwortete.
Aber wahrscheinlich hatte sie ihr Smartphone brav ausgeschaltet
und meine SMS noch gar nicht bemerkt. Ich legte das Handy
also zur Seite, blätterte den Kollegblock auf und nahm
den roten Filzer aus dem Federtäschchen, denn der passte
perfekt zur Situation.
setzte
ich in blutroten Lettern als Überschrift
auf eine leere Seite und unterstrich sie fett.
Obwohl ich mein
Gehirn bis in die letzte graue Zelle nach Ideen durchforstete,
kam leider
nicht mehr dabei heraus,
und außer Punkt eins war nichts davon wirklich konkret.
Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich es hinbekam, tatsächlich
jeden Tag schlechte Laune zu haben. Von Notfallprogramm konnte
also nicht wirklich die Rede sein. Aber die Hoffnung starb
ja bekanntlich zuletzt. Und da es hier um Limette ging, würde
ich alles, was in meiner Macht stand, tun, um sie vor einem
ungewissen Schicksal zu bewahren.
Bis
zum Mittagessen um zwanzig nach eins hörte ich
nichts von Mariel. Mama hatte Spaghetti mit Tomatensoße
gemacht, das einzige Gericht, das wir alle mochten, trotzdem
bekam kaum einer von uns etwas davon hinunter.
Krister und Josefine plapperten aufgeregt durcheinander.
Beide hatten ihre Kartons bereits gepackt, und Josi beschwerte
sich nun darüber, dass sie ihr Playmobil-Puppenhaus
nicht als Ganzes mitnehmen durfte, sondern komplett auseinanderbauen
sollte. Währenddessen hatte Krister die Frage nach den
anderen Fahrten, die mein Vater ihm heute Vormittag nicht
beantwortet hatte, noch einmal aufgeworfen.
„Ach, das kann alles Mögliche sein“, erläuterte
Papa ihm jetzt. „Zum Beispiel Dinge von einem Ort zum
nächsten transportieren.“
„Was für Dinge?“, wollte Josefine wissen.
„Größere Einkäufe vielleicht, Kleider, die
in der Reinigung waren, Blumengebinde oder Pflanzen für
den Garten“, erwiderte Papa.
„Also auch solche großen Sachen?“, vergewisserte
sich meine Schwester und riss ihre Arme so weit auseinander,
dass ihr Puppenhaus perfekt dazwischenpasste.
Ich senkte hastig den Kopf, damit niemand bemerkte, dass
ich in mich hinein grinste, und notierte in Gedanken einen
weiteren Punkt auf meiner Notfallliste.
„Philippa, willst du nicht endlich mal was essen?“,
ermahnte meine Mutter mich. „Heute Morgen hast du schon
nichts angerührt.“
Ich sah auf meinen aufgefüllten Teller und zuckte mit
den Schultern.
„Ich habe keinen Hunger“, sagte ich.
Mein Magen fühlte sich wie tot an. Wahrscheinlich hatte
er einfach vergessen, wozu er vorgesehen war.
„Lass sie doch“, meinte Papa. „Früher
oder später wird ihr Appetit schon zurückkommen.“ Er
schenkte mir ein sanftes Lächeln. Es war zärtlich
und gleichzeitig bittend, doch so leicht wollte ich mich
nicht bestechen lassen und daher wich ich seinem Blick aus.
„Hast du dir denn überlegt, was du mitnehmen möchtest?“,
fragte meine Mutter.
„Ja“, sagte ich. „Limette. An allem anderen
liegt mir nichts.“
Meine Eltern schwiegen.
„Du weißt, dass das nicht geht“, sagte Mama schließlich.
Ja, das wusste ich, aber einen Versuch war es trotzdem wert
gewesen.
„Und wann ziehen wir los?“, fragte Josefine, die ihren
Teller mittlerweile leer gegessen hatte.
„Heute Abend lade ich eure Kartons ins Auto …“
Krister ließ Papa nicht ausreden. „Welches Auto?“,
fuhr er dazwischen.
Wir hatten nämlich kein eigenes. Meine Mutter erledigte
die meisten Einkäufe zu Fuß oder mit der U-Bahn
und die Getränkekisten transportierte Papa einmal
in der Woche im Taxi.
„Die von Helsings besitzen einen kleinen Transporter“,
erklärte er jetzt meinem Bruder. „Den durfte ich
mir für unseren Umzug ausleihen.“
„Was?“, stieß ich fassungslos hervor. „Hast
du den Wagen gestern Nacht etwa gleich mitgebracht?“
Er sah mir fest in die Augen. „Frau von Helsing meinte,
es sei so am praktischsten.“
Frau von Helsing! Frau von Helsing! – Eigentlich war
ich die Friedfertigkeit in Person, aber hier stieß ich
nun ganz deutlich an meine Grenzen. Ich konnte es nicht ändern,
aber mir sträubten sich bereits die Nackenhaare, wenn
ich den Namen nur hörte. Diese Frau hatte meinen Vater
ja regelrecht um den Finger gewickelt!
„Und wenn wir uns dagegen entschieden hätten?“,
fragte ich. „Wenn Krister und Josi auch lieber hier
wohnen geblieben wären?“
„Dann hätte ich den Wagen eben wieder zurückgebracht“,
sagte Papa.
Ich schüttelte den Kopf und meine Stimme klang nun ziemlich
krächzig. „Du hast gar nicht damit gerechnet,
dass sie und Mama sich dagegen entscheiden, stimmt’s?“
Mein Vater zögerte einen Moment mit seiner Antwort.
„Ehrlich gesagt, hatte ich sogar gehofft, dass die Entscheidung
einstimmig ausfallen würde“, sagte er matt.
Ich schob das Kinn vor und sah ihn trotzig an. Zum schwarzen
Schaf wollte ich mich nun wirklich nicht abstempeln lassen.
Ich hatte nur meinen Standpunkt und wünschte mir so
sehr, dass Papa ihn respektierte. Außerdem ging es
hier nicht nur um Limette, sondern auch darum, dass mir die
ganze Sache immer weniger geheuer war. Je mehr Details wir
erfuhren, desto mehr kam mir diese Geschichte wie eingefädelt
vor. Vor allem aber ging es mir eindeutig zu sehr Hals über
Kopf.
In den darauffolgenden Stunden passierte
nicht viel, außer
dass Mama, Papa, Krister und Josefine in der Wohnung herumwuselten,
wie besessen Dinge in Kartons packten und diese anschließend
durch den Innenhof und den Torweg auf die Straße hinausschleppten.
Derweil hockte ich in meinem Zimmer auf dem Bett, kraulte
Limette und betete, dass alles nur ein böser Albtraum
wäre, aus dem ich schon sehr bald erwachen würde.
Doch die Stunden zogen sich dahin wie altes, ausgeleiertes
Gummiband, es gab kein Aufwachen und keinen Szenenwechsel
und allmählich kam ich mir immer dämlicher vor.
Ich kann dir sagen, es fühlt sich wirklich alles andere
als cool an, wenn man so ausgegrenzt wird oder gar als Verräterin
gilt. Okay, niemand in meiner Familie hatte etwas Derartiges
gesagt, aber die Art und Weise, wie sie mich seit dem Mittagessen
links liegen ließen, sprach für sich. Und was
das Schlimmste war: Auch Mariel meldete sich nicht. Es schien,
als hätte die Welt mich einfach ausgeklammert.
„Das lassen wir nicht zu“, sagte ich zu Limette. „Wenn
die Menschheit meint, ohne einen auskommen zu können,
muss man sie eben vom Gegenteil überzeugen.“
Limette maunzte leise, was ich als Bestätigung auffasste.
Sie gähnte und streckte sich, sprang schließlich
vom Bett herunter und spazierte zielstrebig auf die Tür
zu. Da ich in meinem Zimmer kein Katzenklo aufgestellt hatte,
musste ich sie zwangsläufig hinauslassen.
„Tschüs, Süße“, murmelte ich und sah
ihr leise seufzend hinterher, wie sie sich durch den Spalt
in die Küche schlängelte. „Ich hoffe, du
schläfst heute Nacht noch einmal bei mir. Ab morgen
wird nämlich nichts mehr so wie früher sein.“
Leise schloss ich die Tür, schnappte mir mein Handy
und ließ mich wieder aufs Bett sinken.
Meine Finger zitterten ein wenig, als ich Mariels Nummer
hervorholte. Ich tat einen tiefen Atemzug und überlegte,
ob ich mir nicht besser vorher schon ein paar Worte zurechtlegen
sollte, aber ich wollte nicht gestelzt klingen. Schließlich
war Mariel nicht der Oberstaatsanwalt, sondern meine beste
Freundin.
Es tutete ungefähr eine Million Mal und mit jedem Tuten
schlug mein Herz einen Takt schneller. Endlich ertönte
so etwas wie ein Knacken, doch im nächsten Moment war
die Verbindung schon wieder unterbrochen. Fassungslos ließ ich
das Handy sinken. So eine blöde Kuh! Drückte mich
einfach weg.
Wut und Frust ballten sich in meinem Bauch zu einem festen
Knäuel. Mir war verdammt nach Heulen zumute, aber so
schnell wollte ich mich nicht geschlagen geben. Außerdem
war es immerhin möglich, dass Mariel bloß versehentlich
die falsche Taste berührt hatte. Ich versuchte es also
noch einmal, und jetzt meldete sie sich ziemlich schnell.
„Was gibt‘s denn?“
„Ä
hm … Hast du meine Nachricht nicht bekommen?“,
fragte ich und bemühte mich, möglichst normal zu
klingen.
„Nein“, kam es knapp zurück.
„Aber das kann nicht sein“, erwiderte ich. „Ich
habe …“
„
Ein Steinzeithandy, ich weiß“, fiel Mariel mir
ins Wort. „Bei diesen Dingern soll so etwas schon mal
vorkommen.“
Tapfer ignorierte ich ihre Bemerkung. „Willst du nicht
noch mal nachsehen?“
Mariel stöhnte leise. „Sag mir doch einfach, was
du mir geschrieben hast.“ Sie hörte sich ziemlich
genervt an.
„Wir ziehen weg“, sagte ich schlicht.
Am anderen Ende herrschte Schweigen, und ich begann, die
Sekunden zu zählen. Eins … zwei … drei … vier … fünf … Der
Schock schien tatsächlich tief zu sitzen.
„Ach ja?“, brummte Mariel nach einer gefühlten
Ewigkeit. Es klang ziemlich gleichgültig.
Der Anflug von Triumph in meinem Herzen wich einer bitteren
Enttäuschung, die mir die Zunge schwer werden ließ.
Es fühlte sich an, als hätte ich einen Felsbrocken
im Mund.
„Interessiert dich denn gar nicht, wohin?“, kratzte
ich mir schließlich aus dem Hals.
Ich vernahm ein leises Knistern und kurz darauf gab Mariel
ein Schmatzgeräusch von sich. Wahrscheinlich hatte sie
sich einen ihrer geliebten Karamelldrops in den Mund gesteckt.
„Ehrlich gesagt, nicht besonders“, nuschelte sie.
Ich schnappte nach Luft.
„Weißt du was?“, gab ich wütend zurück. „Ich
erzähl’s dir trotzdem. Wir ziehen nach Kaiserswerth
ins Gästehaus einer steinreichen Familie. Mein Vater
hat dort nämlich einen supertollen Job angeboten bekommen,
in dem er dreimal so viel verdient wie bisher.“
„Ts“, machte Mariel. „Und das soll ich dir glauben?“
Die Unterstellung, dass ich ihr ein Lügenmärchen
auftischte, gab mir den Rest. Wie zu Stein erstarrt saß ich
da, presste mir in einer seltsamen Krampfhaltung das Handy
ans Ohr und fühlte mich Mariels Gemeinheiten hilflos
ausgeliefert.
„Ich wette, das erzählst du nur, weil du neidisch auf
Arletta, Tiffy und Neomi bist“, musste ich mir jetzt
von ihr anhören. „Aber gib dir keine Mühe.
Du bist einfach nicht wie sie. Und ganz egal, was du tust
oder behauptest, du wirst auch nie so sein. Dein Pech.“
Mein … Pech?
„Du … kannst … mich … mal!“, presste
ich hervor. Dann schnellte ich vom Bett hoch, stieß einen
Tarzanschrei aus und pfefferte das Handy mit voller Wucht
gegen die Wand, was mir in diesem Fall effektiver zu sein
schien als es einfach auszuschalten.
Nicht einmal einen Atemzug später flog meine Zimmertür
auf und Mama stand – Schreck und Sorge zu gleichen
Teilen ins Gesicht geschrieben – auf der Schwelle.
„Alles in Ordnung?“
„Nein“, krächzte ich. Mein Körper zitterte,
als ob er unter einem Dauerstromschlag stünde, und die
Tränen liefen mir wie Sturzbäche über die
Wangen.
„Oje, mein Schneckchen.“ Meine Mutter drückte die
Tür hinter sich zu und war mit wenigen Schritten bei
mir. Sanft zog sie mich in ihre Arme. „Das ist jetzt
aber nicht, weil wir von hier wegziehen, oder?“, fragte
sie vorsichtig.
„Neiheihein, es ist wegen Mariel“, schluchzte ich und
ließ meinen Kopf gegen ihre Schulter sinken.
Mama hielt mich sanft umschlungen und streichelte mir schweigend
den Rücken hinauf und hinunter, bis ich mich allmählich
wieder beruhigte. Das Schöne war: Ich brauchte ihr nichts
zu erklären, sie spürte einfach, was in mir vorging,
und sie konnte sich wohl auch so – zumindest ungefähr – denken,
was passiert war.
„Lauf ihr nicht hinterher“, sagte sie nach einer Weile,
während ihr Daumen sanft über meinen Nacken strich. „Sie
muss von sich aus auf dich zukommen.“
„Und wenn sie es nicht tut?“
„Darüber würde ich mir jetzt noch nicht den Kopf
zerbrechen“, erwiderte meine Mutter. „Im Moment
heißt die Devise: Abwarten und Tee trinken.“
„Oder umziehen“, hauchte ich.
„Ja“, sagte Mama. „Ich weiß, du hörst
es nicht gern, aber vielleicht ist es in der Situation, in
der ihr beiden gerade steckt, gar nicht schlecht. Manchmal
braucht man ein bisschen frischen Wind um die Nase, um altgewohnte
und allzu eingefahrene Dinge wieder ins rechte Licht zu rücken.“
„Aber Limette“, brach es aus mir hervor und neue Tränen
schossen mir in die Augen.
„Glaubst du, mir fällt es leicht, sie hier zurückzulassen?“,
entgegnete Mama und drückte mich abermals. „Aber
ich habe dir doch versprochen, dass wir eine Lösung
finden werden.“
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