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„Puh! So eine Hitze!“, stöhnt
Joey und linst mich gequält
von der Seite an. „Das hält ja kein Mensch aus.“
Ich liege neben ihr in der prallen Sonne auf meiner Luftmatratze
und rühre träge mit den Fingern im Baggersee herum.
„Die Brühe hier ist auch schon pisswarm“, murmele ich,
lasse meine Hand volllaufen und spritze Joey eine Fuhre Wasser über
den Bauch.
„Uaaah!“, kreischt sie und fährt erschrocken auf. „Pisswarm?
Das wüsste ich a…“
Der Rest des Wortes vergluggert im Baggersee. Joeys Luftmatratze
ist nämlich umgekippt und Joey mit einem lauten Platsch
im zugegebenermaßen ziemlich kühlen Nass gelandet.
Eine Fontäne flirrender Wassertropfen rieselt auf mich
herab.
„Uaaah!“, kreische ich, im nächsten Moment durchstoßen
zwei Arme die Oberfläche des Sees. Sie umklammern meine
Matratze und eine Sekunde später plumpse ich ebenfalls
in den See.
„Und du willst meine Freundin sein!“, schnaufe ich, als
ich wieder aufgetaucht bin.
„Klar, Miri.“ Joey grinst mich übermütig an. „Die
beste weit und breit.“
Ich spritze ihr eine weitere Portion
Baggersee ins Gesicht und schon ist die schönste Wasserschlacht
aller Zeiten im Gange.
Die Leute, die ein paar Meter von uns entfernt auf der Wiese
sitzen, beobachten uns kopfschüttelnd.
Es ist Ende Mai und der erste richtig heiße Tag des Jahres.
Logisch, dass es die halbe Stadt in die umliegenden Freibäder
und zum See hinaus gezogen hat. Strandmatten und Badetücher
reihen sich so dicht aneinander, dass sie wie ein bunter Flickenteppich
aussehen. Die meisten Leute lesen, spielen Beach- oder Federball
oder dösen einfach in der Sonne. Die einzigen Verrückten,
die sich mit ihren Luftmatratzen in den See gewagt haben, sind
Joana und ich.
Das Wasser ist mörderisch kalt.
„Ungefähr minus neunundzwanzig Grad“, japst Joey, als
sie sich zwei Minuten später neben Junia und Doreen auf
die Decke fallen lässt.
„Bleibt mir bloß vom Leib!“, ruft Doreen und rutscht
hastig ein Stück zur Seite.
„Wenn es wirklich so wäre, wärt ihr darin eingefroren“,
meint Junia, „und wir hätten euch mit einem Eispickel
herausschlagen müssen.“
Sie greift in ihren Rucksack, holt eine Tüte Weingummis
heraus und wirft sie Doreen in den Schoß. „Hier,
mach die mal auf.“
Joey und ich werfen uns einen Blick zu.
Inzwischen ist es ein gutes halbes Jahr her, dass sie und ich
uns nach einem monatelangen Dauerstreit wieder versöhnt
haben. Seitdem sind Junia, Doreen, Joey und ich eine eingeschworene
Vierer-Clique. Nur selten gibt es Streit, und wenn doch, dann
eigentlich nur wegen irgendwelcher dusseliger Kinkerlitzchen.
Im Grunde verstehen wir uns supergut … Wenn es nicht dieses
gewisse Thema gäbe, das beständig unter der Oberfläche
schwelt, über das wir aber dummerweise nicht miteinander
sprechen können: Junia, die Verständnisvollste und
zugleich Vernünftigste von uns, ist nämlich eifersüchtig
auf Joey. Davon zumindest sind wir übrigen drei felsenfest überzeugt.
Immer, wenn Joana und ich uns mal alleine treffen, ist Junia
hinterher komisch. Entweder ignoriert sie mich, ist brummig
und einsilbig oder sie dreht total auf und versucht mit aller
Gewalt,
noch quirliger und verrückter als Joey zu sein.
Anfangs habe ich noch versucht, mit Junia darüber zu reden.
Ich habe ihr gesagt, dass ich sie genauso mag, wie sie ist, und
dass sie sich auf keinen Fall anstrengen muss, so wie Joey zu
werden. Doch daraufhin hat sie nur gelacht, mir einen Vogel gezeigt
und mich gefragt, was ich denn für ein Problem hätte.
„Gar keins“, habe ich gesagt und mir jeden weiteren
Kommentar verbissen.
Tja, und seither bemühe ich mich redlich, möglichst
viel Zeit mit Junia zu verbringen, damit sie sich Joey gegenüber
nicht zurückgesetzt fühlt. Einerseits ist das recht
einfach, schließlich wohnen wir zusammen und gehen außerdem
in dieselbe Schule. Andererseits scheint aber genau das für
Junia nicht dieselbe Bedeutung zu haben wie die Zeit, die wir
vier Mädels darüber hinaus miteinander verbringen,
beziehungsweise verbringen können.
Ich habe echt keine Ahnung, was mit ihr los ist. Im letzten
Herbst ist sie jedenfalls noch vollkommen anders drauf gewesen.
„Du solltest es vielleicht auch mal ausprobieren“, sagt
Joey jetzt zu ihr. „Dann wirst du schon sehen, wie kalt
es sich anfühlt.“
„Wie soll das denn gehen?“, erwidert Junia. „Oder
kannst du etwa mit den Augen fühlen?“
Wahrscheinlich soll es witzig klingen, aber leider hört
es sich ziemlich korinthenkackerig an.
„Na ja, dann lass es eben“, brummt Joey. Sie wickelt sich
in ihr dickes grünes Handtuch ein und lässt sich zähneklappernd
neben Doreen auf der Decke nieder.
Die hat die Tüte mit den Weingummis bereits aufgerissen
und stopft sich nun ein Teil nach dem anderen in den Mund, während
sie zwischen uns hin- und herschaut.
„Jetzt streitet doch nicht“, schmatzt sie. „Der Tag
ist viel zu schön, um unnötig dicke Luft anzurühren.“
„Das tut doch niemand“, sagt Junia. Ihre Miene ändert
sich schlagartig und plötzlich ist sie wie umgewandelt.„Wie
wär’s mit ’ner Runde Frisbee?“, fragt
sie, springt auf die Füße und boxt mich übermütig
gegen die Schulter.
„Jetzt lass mich doch erst mal ein bisschen aufwärmen“,
erwidere ich, schlüpfe in meinen Bademantel und will mich
gerade auf Doreens andere Seite setzen, da packt Junia mich am Ärmel
und zerrt mich wieder hoch.
„Ach, komm schon. Was meinst du, wie schnell du warm wirst, wenn
du dich bewegst.“
„Recht hat sie, Miriam“, bestätigt Joey und blinzelt
mich vielsagend an. „Tu mir den Gefallen, und schenk mir
ein bisschen Zeit allein mit unserer süßen Doreen“,
sagt sie, mopst sich einen roten Weingummi-Teufel aus der Tüte
und drückt Doreen einen Kuss auf die Wange.
Seufzend ziehe ich den Bademantel wieder aus und lasse ihn
zu Boden fallen. Allmählich habe ich keine Lust mehr
auf dieses Theater. Aber was tut man nicht alles um des lieben
Friedens
willen!
„Und jetzt habe ich Lust auf ein schönes kühles
Eis“, verkündet Junia, nachdem wir uns eine gute
Viertelstunde mit der orangeroten Flugscheibe vergnügt
haben.
„Ach, lass uns doch noch ein bisschen weiterspielen“,
bettele ich. „Ich bin gerade so gut in Fahrt. Außerdem
ist mein Badeanzug noch nicht ganz trocken.“
„Na gut.“ Junia lacht und schleudert das Frisbee so schwungvoll
in meine Richtung, dass es über meinen Kopf hinweg saust
und ich nicht die geringste Chance habe, es aufzufangen.
„Vielen Dank auch!“, rufe ich und wirbele herum, um dem
Ding hinterherzueilen.
„Keine Ursache“, sagt ein Typ, der nur wenige Schritte
von mir entfernt steht und den ich in meinem Eifer fast über
den Haufen renne.
Er trägt Boxershorts und ein schwarzes Nike-T.-Shirt,
hat total verwuschelte braune Haare und Augen wie Schokokugeln.
Grinsend hält er mir die Frisbeescheibe entgegen.
„Ä
hm … oh …“, stammele ich und komme in letzter
Sekunde zum Stehen. „Hast du sie gefangen?“
Eine dämlichere Frage hätte ich nun wirklich nicht
stellen können. Doch zum Glück geht der Typ ganz
lässig darüber hinweg.
„Was dagegen, wenn ich mitspiele? Oder sind die Damen schon
müde?“
„Geht so“, sage ich, während ich hastig einen Schritt
rückwärts mache, um ihm nicht womöglich doch
noch auf die Füße zu latschen. „Eigentlich
wollten wir uns gerade ein Eis holen, oder Junia?“, rufe
ich zu meiner Schwesterfreundin hinüber.
Die steht da, als hätte der Blitz in sie eingeschlagen.
Völlig reglos bis auf ein kaum merkliches Schulterzucken.
„Auch gut“, erwidert der Typ. „Ich geb euch eins
aus. In Ordnung?“
„Ja, wieso nicht?“, sage ich, nachdem ich eine winzige
Anstandssekunde habe verstreichen lassen. „Mit wem haben
wir denn überhaupt die Ehre?“
„Harper“, antwortet er und deutet einen Diener an.
„Hä?“, wundere ich mich, denn diesen Namen habe ich
noch nie gehört.
„Harper Stenton, vierzehn Jahre alt, Mutter Deutsche, Vater
Engländer.“
„Oh“, sage ich. „… Aaah!“
„Und du?“, erkundigt er sich.
„Mein Vater ist kein Engländer“, sage ich hastig.
„Nicht weiter schlimm.“ Harper zwinkert mir zu. „Eigentlich
wollte ich auch bloß wissen, wie du heißt.“ Er
nickt in Richtung Junia. „Den Namen deiner Freundin kenne
ich ja bereits.“
„Ä
hm, Miriam“, sage ich und hole einmal tief Luft. „Miriam
Schleher. Am sechsten September werde ich dreizehn.“
„Vielen Dank für die Einladung“, erwidert Harper. „Wo
soll die Party denn stattfinden?“
„Ä
h … was?“, stoße ich aus, dann fange ich
an zu lachen.
In den vergangenen Monaten habe ich ja eine Menge ulkiger Jungs
kennengelent, aber ein Typ wie Harper ist mir bisher noch nicht
untergekommen.
„Du willst mich also gar nicht dabeihaben“, sagt er jetzt
und verzieht seine Lippen zu einem Schmollmund – was
ihm genauso gut steht wie seine Schokoaugen.
„Doch. Schon“, entgegne ich zögernd, denn mit einem
Mal kommt mir in den Sinn, dass Harper mich womöglich
die ganze Zeit über schon auf den Arm nimmt.
Immerhin ist er bereits vierzehn. Warum soll er sich da ausgerechnet
mit zwei Zwölfjährigen abgeben, deren Busen noch
nicht mal ansatzweise ausgewachsen sind?
„Mal sehen“, füge ich also hastig hinzu. „Wir
kennen uns ja noch gar nicht richtig.“
„Deswegen ja auch mein Vorschlag, zunächst ein bisschen
Frisbee zu spielen und anschließend noch ein paar Worte
beim Eis essen miteinander zu wechseln.“
Erwartungsvoll sieht Harper zu Junia rüber, die noch immer
so fest verwurzelt wie ein Baum auf der Stelle steht und kaum
ein Zweiglein rührt. Sie guckt ihn nicht mal richtig an.
Weiß der Himmel, vielleicht ist sie schon wieder sauer,
weil ich so lange mit ihm quatsche.
„Ich weiß nicht …“, druckse ich. „Eigentlich
wollten meine Freundin und ich ein bisschen unter uns blei…“
„Ja, warum eigentlich nicht“, fällt Junia mir da
ins Wort und nickt Harper finster zu. „Miri und ich gegen
dich.“
„Ganz wie du willst“, gibt er schulterzuckend zurück.
„Und wer verliert, spendiert der Gegenpartei ein Eis“,
erwidert Junia und es klingt eher wie ein Befehl als wie ein
Vorschlag.
„Aye, aye, Sir.“ Harper reckt die Brust heraus und schlägt
sich mit der Handkante gegen die Stirn. „Es wird mir
ein Vergnügen sein.“
Ich laufe rasch zu Junia hinüber und stelle mich ungefähr
zehn Schritte von ihr entfernt auf.
„Den machen wir fertig, klar?“, zischt sie.
Im nächsten Augenblick saust das Frisbee bereits auf mich
zu. Reflexartig lasse ich meine Hand vorschnellen, doch ehe
ich die Scheibe packen kann, schlägt sie vor mir einen
Bogen, kratzt mich beinahe an der Nasenspitze und fliegt weiter
zu Junia, die sie souverän aus der Luft fischt.
„Das hast du dir wohl so gedacht“, höre ich sie murmeln,
dann schickt sie das Frisbee mit einem lockeren Schwung aus
dem Handgelenk zu Harper zurück, der sie ziemlich lässig
auffängt.
Und so geht es dann eine ganze Weile hin und her.
Natürlich versuchen wir, Harper auszutricksen, indem wir
möglichst hoch über seinen Kopf zielen, beziehungsweise
ein ganzes Stück rechts oder links von ihm anpeilen, doch
es scheint so, als ob seine Beine mit Sprungfedern ausgestattet
wären.
Wie ein Flummi titscht er hin und her und hoch in die Luft
und schnappt sich selbst die unmöglichsten Dinger. Die
meisten davon hätten Junia und ich jedenfalls nicht gekriegt,
und so kann ich nicht umhin, ihn insgeheim ein wenig zu bewundern.
Zu guter Letzt macht Harper sogar noch einen Handstand und
fängt das Frisbee zwischen seinen Füßen auf.
Anschließend lässt er sich hintenüberfallen,
schlägt eine Brücke und kommt dann superelegant wieder
auf die Beine.
„Wow!“, rufe ich. „Bist du etwa Turner?“
„So ähnlich“, sagt er und ein Schatten zieht über
sein Gesicht. Doch eine Sekunde später lacht er schon
wieder. „Sieht so aus, als ob keiner von uns zu schlagen
wäre, oder?“
„Blödmann“, presst Junia leise zwischen zusammengepressten
Zähnen hervor. „So ein dämlicher Angeber kann
mir echt gestohlen bleiben.“
Stirnrunzelnd sehe ich sie an. Okay, Harper ist ein seltsamer
Typ, ein bisschen von sich eingenommen, aber irgendwie auch
nett. Ich zumindest hätte keine Probleme damit, mich noch
ein Weilchen mit ihm abzugeben. Doch Junia hat offensichtlich
andere Pläne.
„Tja“, sagt sie jetzt laut und deutlich. „Kein Verlierer,
kein Gewinner, kein Eis.“
„Ich würde euch trotzdem gern eins ausgeben“, erwidert
Harper.
„Vielen Dank“, knurrt Junia, „aber mir ist der Appetit
inzwischen vergangen.“
Sie klemmt sich das Frisbee unter den Arm, hakt sich bei mir
ein und zieht mich ohne Harper auch nur eines weiteren Blickes
zu würdigen, hinter sich her zu unserer Decke zurück.
„Der Typ vorhin sah ja absolut göttlich aus“,
schwärmt Doreen mir abends am Telefon vor. „Also,
wenn ich Rasmus nicht so wahnsinnig lieben würde … Ich
hätte mich glatt vergessen können.“
„Na ja“, sage ich, während ich mich auf meinem Bett
zwischen Kopfende und Wand in ein großes Kissen kuschele, „irgendwie
war er aber auch komisch.“
„Inwiefern?“, will Doreen natürlich gleich wissen.
„Na ja, so ’n bisschen angeberisch“, erwidere ich.
„Jaaa, wie er sich bewegt hat und jeden Wurf gekriegt hat,
das war schon total göttlich!“
Doreen seufzt, und ich bilde mir ein, zwischen dem Seufzer
auch einen Schmatzer vernommen zu haben. Kein Kuss-Schmatzer,
sondern so einer, der entsteht, wenn man auf einer Praline
herumlutscht.
„Ach, du findest also, dass er sich darauf ruhig was einbilden
kann?“, frage ich empört. „Junia konnte ihn
jedenfalls überhaupt nicht leiden“, setze ich geharnischt
hinzu.
„Und was ist mit dir?“
„Wieso? Was soll mit mir sein?“
Doreen stöhnt. „Konntest du ihn auch nicht leiden?“
„Na hör mal!“, rufe ich empört. „Ich
bin mit Cobi zusammen.“
„Also ja“, schlussfolgert Doreen und schmatzt zufrieden.
„Sag mal, futterst du etwa die ganze Zeit Schokolade?“,
knurre ich.
„Mhmmm“, macht Doreen nur.
„Dann hast du wohl vergessen, dass du diesbezüglich kürzer
treten wolltest.“
„Nee“, sagt sie, „hab ich nicht. Nur drei Riegel
Vollmilchnuss in der Woche. Daran halte ich mich.“
„Aber du hast vorhin am Baggersee doch schon die ganze
Tüte
Weingummis allein aufgefuttert“, werfe ich ihr vor.
„Das war ein Versehen“, meint Doreen leichthin. „Aber
Weingummis enthalten ja zum Glück kein Fett.“
„Dafür allerdings jede Menge Zucker“, entgegne ich. „Und
der macht ebenfalls dick.“
Doreen schweigt.
Tatsache ist: Seit den letzten Herbstferien hat sie fast fünf
Kilo abgenommen. Tatsache ist allerdings auch: So richtig schlank
sieht sie immer noch nicht aus.
„Du willst ja bloß ablenken“, grummelt sie.
„So ein Quatsch! Wovon denn?“
„Davon, dass dir der Frisbee-Typ gefallen hat“, behauptet
sie. „Wie heißt er eigentlich?“
„Harper“, sage ich wütend.
„Cooler Name.“
„Und er hat mir genauso wenig gefallen wie Junia“, fauche
ich.
„Prima“, schmatzt Doreen. „Dann können wir
uns ja überlegen, wie wir ihn mit Joey zusammenbringen.
Die ist vor Verzückung nämlich fast mit ihrem Badetuch
verschmolzen.“
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