L E S E P R O B E
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Das 11. Kapitel, in dem alle zu ihrem Recht kommen und Mathilda klammheimlich die Route ändert
„So“, sagte Ronald von Dommel, nachdem der Tank gefüllt und das Benzin bezahlt war und er sich wieder hinters Steuer gesetzt hatte. „Damit kommen wir auf jeden Fall bis zur italienischen Grenze.“
Er startete den Motor und lenkte den Wagen in Richtung Autobahnauffahrt.
„Oskar muss aber noch aufs Klo“, sagte Mathilda.
Ihr Vater verdrehte die Augen. „Herrgott noch mal!“, stöhnte er.
„Das hast du gewusst“, sagte Mathilda. „Außerdem solltest du einen Kaffee trinken. Oder einen Espresso.“
„Sagt wer?“, knurrte Ronald von Dommel.
„Ich“, knurrte Mathilda zurück. „Und er auch. Stimmt’s?“ Sie stupste Oskar an, der wie elektrisiert zur Frontscheibe hinaussah. „Was ist denn mit dir los?“, platzte sie heraus.
Anstelle einer Antwort keuchte Oskar nur und Mathilda zischte: „Los, Papa, mach! Sonst bekommt Oskar noch ein Leck.“
„Ja, ja, ja!“
Ronald von Dommel schlug das Lenkrad ein und fuhr nun auf den Parkplatz zu, an dessen Ende sich ein Selbstbedienungsrestaurant befand.
Er ergatterte in unmittelbarer Nähe eine freie Parklücke, stellte den Motor wieder aus und sagte: „Oskar geht zuerst.“ Er zog seine Brieftasche hervor und nahm einen Zwanzigeuroschein heraus. „Besorg ein paar Brötchen und etwas zu Trinken für euch zwei, ja?“
„Ich gehe mit“, sagte Mathilda. Sie fand es unmöglich, dass Oskar alles alleine machen sollte, und wollte gerade die Wagentür öffnen, als ihr Vater den Knopf für die Zentralverriegelung drückte.
„Du bleibst hier!“
„Aber wieso?“
„Weil es für dich dort draußen viel zu gefährlich ist“, erwiderte Ronald von Dommel.
„Und für Oskar nicht?“, fragte Mathilda.
Ihr Vater griff nach hinten und berührte sie sachte am Knie.
„Mach dir keine Sorgen. Deinem Oskar passiert schon nichts.“

Meinem Oskar! – Mathilda verdrehte die Augen. Wie kam er bloß dazu, so etwas zu sagen! Sie konnte ja nicht mal widersprechen, ohne zu riskieren, dass es Komplikationen gab.
„Und warum haben wir ihn dann überhaupt mitgenommen?“, schnaubte sie.
„Damit dir mit deinen Eltern nicht langweilig wird“, antwortete ihr Vater lächelnd.
Oder damit ihr eure Ruhe habt, dachte Mathilda.
Oskar war bereits bis an die Tür gerutscht und überschlug, wie viele Schritte er wohl bis zur gläsernen Tür des Selbstbedienungsrestaurants benötigte. Ob er die Toiletten sofort fand? Er bezweifelte, dass seine Blase noch wesentlich länger als zwei oder drei Minuten dicht hielt.
„Wirst du jetzt also vernünftig sein?“, fragte Ronald von Dommel.
Mathilda kreuzte die Arme vor der Brust und sah ihn finster an. „Wenn Oskar was passiert, dann …“
Ihr Vater hob beschwichtigend die Hände. „Also gut“, gab er nach. „Ich werde deinen jungen Freund begleiten und du bleibst bei deiner Mutter im Auto.“
„Nein“, rutschte es Mathilda beinahe heraus. Im letzten Augenblick fiel ihr aber ein, dass das ihrem Plan sehr zugute kam.
„Okay“, sagte sie daher schnell. „Einverstanden. Aber bitte beeilt euch.“
Ronald von Dommel nickte ihr besänftigend zu. „Versprochen.“
Er entriegelte die Türschlösser, damit Oskar und er aussteigen konnten.
Mathilda streckte ihre Hand aus. „Willst du den Schlüssel nicht lieber hier lassen?“, fragte sie.
Ihr Vater schüttelte den Kopf. „Auf gar keinen Fall.“
„Aber wenn uns jemand etwas tun will …“, gab Mathilda zu bedenken. „Dann könnte Mama einfach wegfahren.“
Ronald von Dommel warf einen Blick auf seine schlafende Frau. „Du weißt doch, dass sie nicht Auto fahren kann.“
Mathilda hob die Schultern. „Ist ja nur für den Notfall. Wenn wirklich Gefahr droht, kann sie es ja möglicherweise doch.“
Ihr Vater überlegte einen Moment.
„Vielleicht hast du recht“, meinte er schließlich und legte seiner Tochter den Autoschlüssel in die Hand. „Aber du verriegelst auf jeden Fall die Tür“, fügte er mahnend hinzu.

Mathilda nickte eifrig. „Klar, mach ich.“
Sie wartete, bis ihr Vater ausgestiegen war und sich anschickte, Oskar zu folgen, der mit zusammengekniffenen Pobacken auf das Restaurant zustakste. Dann drückte sie den Knopf für die Zentralverriegelung und zwängte sich zwischen den Rücklehnen der Vordersitze hindurch nach vorn.
Mathilda steckte den Schlüssel ins Zündschloss und drehte ihn um eine Stufe nach rechts, bis ein Lämpchen im Armaturenbrett anzeigte, dass die Elektronik eingeschaltet war.
„Bitte wenden Sie“, sagte die Dame im Bordcomputer.
„Halt bloß die Klappe“, murmelte Mathilda und begann, an den Knöpfen zu drehen und auf ihnen herumzudrücken.
Dummerweise hatte sie nicht aufgepasst, als ihr Vater den Zielort eingestellt hatte, und ihr war klar, dass ihr nur wenig Zeit blieb, um herauszufinden, wie es ging.
„Bitte wenden Ssss…“, sagte die Dame. Sie wurde mitten im Satz abgewürgt, die Karte auf dem Monitor verschwand und das Hauptmenü wurde eingeblendet.
Mathilda wählte EIN NEUES ZIEL EINGEBEN und eine Buchstabentastatur erschien, auf der sie nacheinander das Land, die Stadt und die Straße eingeben musste.
„Verdusselter Kackmist“, brummte sie.
Leise fluchend quetschte Mathilda sich wieder zwischen die Sitze und angelte Oskars Rucksack von der Rückbank. Zuerst durchsuchte sie die Seitenfächer, anschließend nahm sie sich jenes vor, das sich in der Innenseite der Klappe befand, und hier wurde sie auch tatsächlich fündig. Der Brief, den sein Vater ihm aus der Schweiz geschrieben hatte, war alles, was Oskar in diesem Fach aufbewahrte.
Hastig faltete Mathilda ihn auseinander und tippte die Adresse der Kurklinik in das Navigationsgerät: Schweiz, 2745 Latern, Am Hang 48.
Der Bordcomputer berechnete die Route neu. Dann erschien die Karte wieder und alles sah so aus wie zuvor. Der einzige Unterschied: Bis Latern waren es nur vierhundertvierundfünfzig Kilometer.
„Ankunft dreizehn Uhr drei“, murmelte Mathilda und grunzte zufrieden.

Blieb nur zu hoffen, dass ihr Vater nicht merkte, dass sie die Route geändert hatte.
„Bitte wenden Sie“, sagte die Dame.
Barbara von Dommel schreckte hoch und blickt sich verwirrt um.
„Machen Sie, dass sie wegkommen, meine Tochter kriegen sie nicht!“, blaffte sie einen jungen Mann an, der in diesem Moment mit einem kleinen Jungen auf dem Arm an ihrem Wagen vorbeilief.
„Schon gut, Mama“, sagte Mathilda und berührte sie sanft am Ellenbogen. „Es ist alles in Ordnung. Du hast bestimmt nur geträumt.“
„Wie …?“, stieß ihre Mutter hervor. „Wo …?“ Sie schnappte nach Luft. „Was zum Teufel machst du hinter dem Steuer?“
„Aber Mama!“, rief Mathilda.
„Jetzt behaupte bloß nicht, du hättest einen Führerschein!“
„Tu ich ja nicht. Aber du …“
„Ich kann nicht fahren“, fiel Barbara von Dommel ihr ins Wort.
„Das mein ich doch gar nicht“, sagte Mathilda. „Mama … du hast geflucht!“
„Hab ich nicht.“
„Doch, du hast zum Teufel gesagt.“
Ihre Mutter öffnete das Handschuhfach und holte ihre Kosmetiktasche heraus. „Du musst dich verhört haben“, sagte sie, zog den Reißverschluss auf und griff nach ihrem Lippenstift. „Ich fluche nie.“ Barbara von Dommel klappte die Sonnenblende herunter, betrachtete sich eingehend im Schminkspiegel, zupfte ihre Frisur zurecht und zog schließlich ihre Lippen nach. „Ich wäre wirklich ein schlechtes Vorbild, wenn ich es täte“, bekräftigte sie, steckte den Lippenstift zurück und legte die Kosmetiktasche wieder ins Handschuhfach. „Wo ist eigentlich dein Vater?“, fragte sie dann und warf einen Blick über ihre Schulter. „Und … äh, dieser Junge … Wie hieß er noch gleich?“
Mathilda starrte ihre Mutter an.
„Oskar“, sagte sie. Dabei hätte sie ihr am liebsten in den Bauch geboxt.
„Ach ja …“ Barbara von Dommel nickte. „Oskar. Eigentlich gar kein so übler Name.“
„Sie sind entführt worden“, sagte Mathilda. Sie hatte gar nicht darüber nachgedacht. Es platzte einfach so aus ihr heraus.

Ihre Mutter stutzte. „Was sagst du da?“ Sie schüttelte den Kopf und dann fing sie an zu lachen. „Nein, mein Kind, das sind sie ganz bestimmt nicht.“
„Wie kannst du dir da so sicher sein?“, erwiderte Mathilda. „Ich meine, Papa hat eine große Firma. Er hat jede Menge Geld und …“
„Weil es keinen Sinn machen würde“, fiel ihr Barbara von Dommel abermals ins Wort. „Glaub mir, deinem Vater passiert nichts. Und solange der kleine Oskar bei ihm ist, wird ihm auch nichts geschehen.“
„Ich weiß“, brummte Mathilda. „Ihr habt ihn ja sowieso nur mitgenommen, damit ich Gesellschaft habe und euch nicht auf die Neven gehe.“
Wieder schüttelte ihre Mutter den Kopf. „Was du immer so redest.“
„Wieso? Ich hab doch recht“, murmelte Mathilda.
Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie ihr Vater und Oskar das Restaurant verließen und auf sie zukamen, und so entriegelte sie rasch die Türen und flüchtete dann zwischen den Sitzen hindurch nach hinten.

Das 12. KAPITEL, in dem etwas Entscheidendes verlorengeht und etwas Unverhofftes hinzukommt

Ronald von Dommel hatte für jeden ein mit Salat, Tomaten, Käse und Schinken belegtes Baguette gekauft, dazu Orangensaft für Oskar und Mathilda und jeweils einen großen Becher Kaffee für sich und seine Frau.
„Ich bin froh, wenn wir wieder zu Hause sind und unser Porzellan benutzen können“, sagte Mathildas Mutter, nachdem sie ihre feine dunkle Bluse mit Sandwichcreme bekleckert und gleich danach noch versehentlich die Trinktülle von ihrem Kaffeebecher abgebissen hatte. „Das hier ist doch nur etwas für Unzivilisierte. Ich habe kaum Kleidung zum Wechseln mitgenommen“, jammerte sie weiter, während sie hektisch an ihrer Bluse herumrieb. „Gleich morgen fahren wir nach Genua und kaufen was zum Anziehen.“

„Jetzt lass uns doch erst mal ankommen“, entgegnete Ronald von Dommel. Er schob sich den letzten Bissen seines Baguettes in den Mund, knüllte die Papiertüte zusammen und legte sie seiner empörten Frau in den Schoß.
Ohne ihrem Geschimpfe Beachtung zu schenken, startete er den Motor und setzte den Wagen zurück.
„In achthundert Metern links fahren. A fünf“, sagte die Dame im Bordcomputer.
Frau von Dommel warf ihrem Mann einen zornigen Blick zu.
„Sie würde ihr am liebsten das Maul stopfen, wetten?“, raunte Mathilda Oskar zu. „Sie hält sie für unseren Feind. Es würde mich nicht wundern, wenn sie dem Navigationsgerät die Schuld daran gibt, dass sie sich mit Mayo vollgeschmiert hat.“ Sie tippte sich an die Stirn. „Ich fürchte, meine Mutter leidet unter Verfolgungswahn.“
„Glaub ich nicht“, sagte Oskar, während er die Hälfte seines Baguettes in die Tüte zurückschob und sorgfältig darin einschlug. „Ich glaube eher, dass sie eifersüchtig ist.“
„Was?“, zischte Mathilda. „Auf eine Maschine?“
Oskar zuckte mit den Schultern. „Wieso nicht?“, flüsterte er. „Kann doch sein, dass dein Vater mehr Zeit mit diesem Ding verbringt als mit deiner Mutter. Und auf die Maschine hört er, auf deine Mutter vielleicht nicht.“
„Jaaa … aber …?“ Mathilda hielt diesen Gedanken für völlig abwegig, andererseits wusste sie aber auch nicht, was sie dagegen einwenden sollte. Irgendwie hatte Oskar ja recht. Und das Wahnwitzigste überhaupt war, dass ihr all die Jahre noch nie in den Sinn gekommen war, dass ihre Mutter womöglich genauso unter der ständigen Abwesenheit ihres Vaters litt wie sie selbst.
„Oskar Habermick“, murmelte Mathilda voller Ehrfurcht. „Du bist eine echte Granate.“
Oskar spürte, wie ihm die Röte in die Wangen schoss.
Im selben Moment machte Ronald von Dommel eine Vollbremsung. Er hatte die Autobahnauffahrt schon fast erreicht und blieb nun mitten auf der Fahrbahn stehen.
„Wo ist meine Brieftasche?“, stieß er hervor.
„Woher soll ich das wissen?“, erwiderte seine Frau, die noch immer mit dem Mayonnaisenfleck auf ihrer Bluse beschäftigt war. „Du hast eingekauft“, betonte sie.

„Eben“, sagte Herr von Dommel.
„In hundertfünfzig Metern bitte links fahren. A fünf“, bemerkte die Dame im Bordcomputer.
Hinter ihnen startete ein Hupkonzert.
Oskar und Mathilda wandten sich um, konnten vor lauter Klopapier jedoch nichts sehen.
„Vielleicht hast du es an der Kasse liegen lassen“, sagte Barbara von Dommel.
„So oder so … Ich kann nur hoffen, dass es jemand gefunden hat“, entgegnete ihr Mann. „Und zwar jemand, der rechtschaffen ist.“
Mathildas Mutter ließ von ihrem Fleck ab. Entsetzen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Was soll das heißen?“, hauchte sie.
„Dass sonst alles futsch ist“, antwortete Mathilda anstelle ihres Vaters, der bereits ausgestiegen war und die Tür hinter sich zugeschlagen hatte. „Geld, Personalausweis, Führerschein, Kreditkarten … eben alles.“
„Um Gottes willen“, sagte ihre Mutter.
Unterdessen ging hinter ihnen das Hupkonzert weiter. Jemand trommelte aufs Autodach und zwei Sekunden später tauchte ein Mann mit krebsrotem Gesicht am Seitenfenster auf und ballte drohend die Faust.
„Herrgott noch mal“, sagte Barbara von Dommel und machte eine Handbewegung, als ob sie ihn verscheuchen wollte.
Doch das machte den Mann nur noch wütender. Er brüllte etwas von eingebildetem Pack und winkte noch mehr Leute heran, die sich nun um den Mercedes scharten.
Mathildas Mutter kurbelte das Fenster einen winzigen Spalt herunter, hob ihr Kinn und rief: „Dies ist ein Notfall. Bitte haben Sie ein wenig Geduld, meine Herren.“
„Eine Unverschämtheit ist das!“, schimpfte eine elegant gekleidete Dame.
„Fahren Sie den Wagen gefälligst an die Seite!“, brüllte ein weiterer Mann. „Sonst hole ich die Polizei.“
„Tun Sie das“, erwiderte Frau von Dommel. „Mir persönlich kann das nur recht sein.“
„Mama!“, stöhnte Mathilda. „Jetzt sei doch nicht so stur.“
Abermals zwängte sie sich zwischen den Sitzen hindurch und ließ sich auf den Fahrersitz gleiten.

„Können Sie uns bitte zur Seite schieben?“, rief sie dem Mann mit dem Krebsgesicht zu.
Der öffnete den Mund, offenbar um eine weitere Schimpfkanonade auf sie loszulassen, schloss ihn dann aber wieder und nickte.
„Stell den Automatikhebel auf N“, brüllte er und winkte die anderen Männer zu sich heran.
Mathilda stellte die Zündung an und schob den Sitz vor, bis sie mit dem Fuß an das Bremspedal herankam. Anschließend drückte sie den Schaltknüppel zurück und ließ ihn bei N einrasten.
„Ich bin fertig!“, rief sie und umklammerte das Lenkrad fest mit beiden Händen.
„Oh Gott, oh Gott, mein Kind”, jammerte Barbara von Dommel. „Hoffentlich geht das gut.“
„Du kannst dir ja die Augen zuhalten“, brummte Mathilda, was ihre Mutter sich nicht zweimal sagen ließ.
Der Wagen setzte sich in Bewegung und Mathilda steuerte ihn zielsicher auf die Bordsteinkante zu, wo er nach ungefähr zwanzig Metern stehenblieb.
Mathilda schob den Automatikganghebel wieder auf P wie PARKEN und sagte: „So, und jetzt muss ich auch noch mal pinkeln.“
Ehe ihre Mutter die Hände von den Augen genommen hatte und sie daran hindern konnte, hatte Mathilda bereits die Tür geöffnet und war auf die Straße hinausgesprungen.
Die Insassen der Autos, die eben noch hinter ihnen hatten warten müssen, fuhren nun hupend und winkend an ihnen vorbei.
Mathilda winkte lachend zurück und tauchte dann blitzschnell in die Büsche am Straßenrand ab.

„Also, für meinen Geschmack dauert das viel zu lange“, sagte Barbara von Dommel nach einer geraumen Weile.
Oskar saß schweigend auf seinem Platz. Er fühlte sich unbehaglich. Das Auto war zu groß und Mathildas Mutter kam ihm ohne Mathilda schrecklich fremd vor.
„Wie lange ist sie denn schon weg?“, fragte er leise.
„Wie bitte?“ Frau von Dommels Kopf flog geradezu nach hinten. Ihr Blick schien Oskar zu durchbohren. „Was hast du gesagt?“
Oskar starrte auf seine Knie und plötzlich bedauerte er es, dass er nicht drei davon hatte. Er dachte an seine Turnschuhe, die neben Opa Heinrichens Komposthaufen in der Gartenerde ruhten, und prompt bekam er ein schlechtes Gewissen.
Die Drei existierte nicht mehr. Sie war tot und begraben und nutzte ihm überhaupt nichts. Oskar musste ohne sie klarkommen – auch wenn es schwierig wurde.
„Hat es dir die Sprache verschlagen?“, blaffte Barbara von Dommel ihn an.
„Ä hm …“, sagte Oskar. Er schüttelte den Kopf. „Ich guck mal, wo sie bleibt.“
„Das wirst du nicht tun!“, rief Mathildas Mutter, aber Oskar hatte bereits beschlossen, nicht auf sie zu hören. Obwohl er Frau von Dommel nicht besonders gut kannte, war er davon überzeugt, dass er weitaus besser mit den normalen Dingen des Lebens zurecht kam als sie.
Ohne sich um ihr Gezeter zu kümmern, schlüpfte Oskar aus dem Wagen, drückte die Tür hinter sich zu und näherte sich dem Gebüsch.
„Mathilda?“, raunte er. „Mathilda …?“
Es ertönte ein unterdrücktes Wimmern.
Oskar stockte der Atem. Wie mit den Pflastersteinen verwachsen blieb er stehen, stierte auf das Gebüsch und überlegte, was er tun sollte.
„Mathilda?“, wisperte er.
Diesmal kam keine Antwort, auch kein Wimmern.
Oskar schluckte. Unschlüssig sah er sich zum Wagen um. Ob er Frau von Dommel zu Hilfe rufen sollte? – Nein, lieber nicht. Womöglich brüllte sie noch die ganze Raststätte zusammen und brachte Mathilda damit erst recht in Gefahr.
Oskar warf einen Blick zum Restaurant hinüber, versicherte sich, dass auch von ihrem Vater noch nichts zu entdecken war, und wagte sich langsam einen weiteren Schritt vor. Er reckte den Kopf und versuchte, durch das dichte Blattwerk zu spähen.
„Mathilda?“, rief er noch einmal. Diesmal etwas lauter.
„Schsch!“, machte jemand.
Oskar fing an zu zittern. Das Herz klopfte ihm bis zum Hals.
„Los, komm her!“, erklang Mathildas gepresste Stimme. „Na mach schon!“
Oskar atmete auf.
Er bemerkte einen schmalen, ausgetretenen Pfad, bog einen Zweig beiseite und schon war er von saftigen grünen Blättern umfangen. Als ihm einfiel, dass dies auch eine Falle sein könnte, stand er bereits vor ihr.
Mathilda hockte am Boden. Sie hielt einen kleinen weißen Hund mit braunen Flecken im Arm und drückte ihm mit ihrer Hand die Schnauze zu.
„W-was ist das denn?“, stammelte Oskar.
„Ein Jack Russel-Terrier“, sagte Mathilda.
Oskar schüttelte den Kopf. „Ein was?“
„Na, so eine Art Jagdhund“, brummte Mathilda.
„Ä hm … ach so …“ Oskar schüttelte den Kopf. „Und was macht der hier?“
„Du wirst es nicht glauben, aber der wurde gerade ausgesetzt“, erwiderte Mathilda zornig.
„Waaas?“ Oskar war fassungslos. „Während du hier gehockt und … na ja, du weißt schon was getan hast?“
„Ich bin gar nicht fertig geworden, falls es dich interessiert“, stöhnte Mathilda.
Oskar schüttelte kaum merklich den Kopf und Mathilda verdrehte die Augen.
„Jetzt pass mal auf“, sagte sie und deutete auf den Pfad, der sich weiter ins Gebüsch hineinschlängelte. „Die Frau ist noch ziemlich jung. Sie trägt eine Jeans und rote Chucks. Mehr habe ich leider nicht gesehen. Aber vielleicht kriegst du sie ja noch.“
„Was?“ Oskar verstand nicht gleich.
„Jetzt mach schon!“, zischte Mathilda. „Ich kann ihr ja schlecht mit dem Hund hinterherrennen.“
„Das bringt doch nichts“, sagte Oskar. „Wenn sie ihn ausgesetzt hat … Vielleicht ist er krank.“
„Eben“, knurrte Mathilda. „Vielleicht können wir ihr helfen.“
Oskar stieß einen Schwall Luft aus. So ein Blödsinn!, dachte er. Wie zum Teufel sollten sie einer jungen Frau helfen, deren Hund erkrankt war? Noch dazu mitten auf der Autobahn! Sowohl Mathilda als auch ihm fehlte das nötige Kleingeld und Herr und Frau von Dommel würden garantiert nicht einen einzigen Cent für so etwas herausrücken. Das wusste auch Mathilda. Allerdings hatte es wohl wenig Sinn, mit ihr darüber zu diskutieren.
Oskar duckte sich und folgte dem Pfad noch tiefer ins Gebüsch hinein. Er hielt die Augen weit geöffnet und sah sich immer wieder aufmerksam nach allen Seiten um. Außerdem achtete er auf jedes noch so kleine Geräusch. Schließlich war es nach wie vor möglich, dass er mitten in eine Falle tappte.
Doch schon nach wenigen Metern lichtete sich das Gestrüpp, und Oskar erreichte eine freie Stelle, die offensichtlich zu einer Müllhalde auserkoren worden war, denn hier stapelten sich leere Knabberzeugtüten, Getränkedosen, Plastikflaschen und aufgeweichte Vorratskartons.
Nur ein paar Schritte weiter standen ein Tisch und zwei Holzbänke, die fest im Boden verankert waren, und von dort aus konnte Oskar den ganzen Parkplatz bis zum Restaurant, ja sogar bis zur Tankstelle überblicken. Von einer jungen Frau, die Jeans und rote Leinenschuhe trug, fehlte aber jede Spur.
Oskar ballte die Fäuste. – Hatte er es sich doch gedacht!
„Niemand mehr hier“, berichtete er Mathilda keuchend, als er kurz darauf wieder vor ihr stand.
Der kleine Hund zappelte wie wild in ihrem Arm und versuchte, seine Schnauze ihrem Griff zu entwinden.
Mathilda schob ihr Kinn vor. Ihre dunklen Augen glänzten feucht. Noch nie hatte Oskar sie so verzweifelt gesehen.
„ Die dumme Kuh hat ihn dort angebunden!“, presste sie hervor und zeigte auf den Stamm einer jungen Birke.
Oskar zuckte mit den Schultern. „Und was machen wir jetzt?“, fragte er.
„Na, was wohl!“, schnaubte Mathilda. „Wir nehmen ihn mit.“
„Du spinnst doch!“
„Tu ich überhaupt nicht, Oskar Habermick“, erwiderte sie. „Wir können ihn auf keinen Fall alleine hierlassen.“
„Aber deine Mutter …“, wollte Oskar einwenden, wurde jedoch sofort von Mathilda unterbrochen.
„Die darf das natürlich nicht mitbekommen“, sagte sie.
Oskar zog die Schultern bis zu den Ohren hoch und sah Mathilda ratlos an. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie sie das bewerkstelligen wollte.
„Ist mein Vater schon zurück?“, fragte sie jetzt.
Oskar schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Gut“, sagte Mathilda. „Dann gehst du jetzt vor und lenkst meine Mutter ab.“
„Ach ja, und wie?“
„Lass dir gefälligst was einfallen, Oskar Habermick“, brummte Mathilda. „Du bist ja nicht auf den Kopf gefallen.“
Sie drückte den kleinen Hund fest gegen ihre Brust, damit er nicht mehr so zappeln konnte.
„Und was passiert mit ihm?“, fragte Oskar.
„Ich verstecke ihn zwischen dem Klopapier im Kofferraum“, meinte Mathilda achselzuckend. „Und jetzt mach! Sonst kommt Papa uns womöglich doch noch in die Quere.“
Am liebsten hätte Oskar Mathilda umgestimmt, aber ihm war natürlich klar, dass er genauso gut versuchen konnte, einem Frosch das Fliegen beizubringen. Er verdrehte nur noch einmal die Augen, um ihr zumindest sein Missfallen zu zeigen, und stapfte los.


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